Anekdoten über die Jungfrau Maria
Wer bringt so viel Freude? Die Unbefleckte Empfängnis von El Viejo
Im Jahr 1562 musste ein Schiff auf dem Weg nach Indien aufgrund eines Sturms im Hafen von La Posesión (dem heutigen El Realejo) an der Pazifikküste Nicaraguas anhalten. An Bord befand sich ein älterer Mann – einigen Quellen zufolge Lorenzo de Cepeda, ein Bruder der heiligen Teresa von Ávila –, der ein Bild der Unbefleckten Empfängnis bei sich trug. Durch den erzwungenen Stopp gelangte das Bild in die nahegelegene Stadt El Viejo, wo es seither verehrt wird.
Die Volksüberlieferung erzählt die Geschichte mit Zärtlichkeit: Der alte Mann wollte das Bildnis wieder an Bord des Schiffes bringen, um die Reise fortzusetzen, doch die Jungfrau „ließ sich nicht an Bord bringen“, oder das Schiff konnte nicht ablegen, solange sie an Bord war. Die Menschen verstanden, dass die Mutter bei ihnen bleiben wollte.
Hier muss der Herausgeber ehrlich sein. Dass ein Bruder der heiligen Teresa im 16. Jahrhundert mit einem Bild der Unbefleckten Empfängnis durch die Gegend reiste und dieses Bild in El Viejo verblieb, wird durch Pfarrdokumente und einen Eintrag in der „La Gaceta de Nicaragua“ von 1875 belegt. Die Geschichte vom Schiff, das nicht ablegen konnte, oder vom Bild, „das sich weigerte, an Bord genommen zu werden“, ist jedoch in keinem Dokument mit Datum und Zeugen belegt: Es handelt sich um mündlich überlieferte Andacht, einen schönen Ausdruck der Liebe der Menschen, kein bewiesenes Wunder. Auch gibt es keinen Beleg dafür, dass das Bild ein persönliches Geschenk der heiligen Teresa war; fromme Quellen deuten dies vorsichtig an („wir könnten es bestätigen“).
Was unerschütterlich und tief verwurzelt ist, ist die Feier. Jedes Jahr am 7. Dezember, dem Vorabend des Festes der Unbefleckten Empfängnis, feiert ganz Nicaragua die Gritería: Familien errichten in ihren Häusern Altäre für die Jungfrau Maria, und wenn sie daran vorbeigehen, ruft jemand: „Wer schenkt so viel Freude?“, worauf alle wie aus einem Mund antworten: „Die Unbefleckte Empfängnis Mariens!“ Süßigkeiten und Geschenke werden verteilt, zusammen mit einer Spendenaktion, und die Nacht ist erfüllt von Gesang. In El Viejo wird außerdem jeden Morgen die Novene mit dem Rosenkranzgebet begangen, am 6. Dezember findet die „Silberwaschung“ statt und am 8. Dezember die große Prozession.
Im Jahr 2001 erklärte die nicaraguanische Bischofskonferenz dieses Bild, das älteste der Unbefleckten Empfängnis im Land, zur nationalen Schutzpatronin. Und das Rosenkranzgebet gibt den Rhythmus im Heiligtum vor und begleitet die Mutter, die sich einst entschied zu bleiben.
🌹 Eine Blume für die Jungfrau
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